Offener Brief an den Präsidenten der Goethe-Universität von Nadia Sergan (AStA-Vorsitzende)
Sehr geehrter Herr Müller-Esterl,
es fällt mir nicht leicht, mich mit diesem Offenen Brief an Sie persönlich, an die Universitätsöffentlichkeit und an die Öffentlichkeit überhaupt zu wenden. Ich habe sehr eingehend über die bisher geführten Gespräche mit Vertretern der Universitätsleitung nachgedacht und mich über den Inhalt des nachfolgenden Briefs mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beraten.
Zunächst möchte ich Sie nachdrücklich bitten, sich mit der Leitung der TU Darmstadt in Verbindung zu setzen, die aus guten Gründen 2007 drei Schaukästen, die Burschenschaften bzw. studentischen Verbindungen zur Verfügung standen, hat entfernen lassen (siehe Frankfurter Rundschau vom 22. Juli 2009).
Wenn wir als AStA dasselbe von der Leitung der Goethe-Universität verlangen, wird es immer schwerer der Öffentlichkeit zu vermitteln, warum die Frankfurter Universitätsleitung nicht diesen einfachen und leicht gangbaren Weg ebenfalls geht.
Es ist aus unserer Sicht – unabhängig von der Frage, ob Sie die Schaukästen der reaktionären „Vereinigung Akademikerverbände Frankfurt“ weiterhin genehmigen oder nicht – unerlässlich, auf einige inhaltliche Punkte in der Auseinandersetzung – sei es mit Burschenschaften, sei es mit „pflichtschlagenden“ Verbindungen- hinzuweisen.
1.
Es soll zunächst gar nicht die Frage behandelt werden, inwieweit nachweisbar – im Milieu der Burschenschaftler und „schlagenden“ Verbindungen – an der NS-Ideologie orientierte Kräfte wesentlichen Anteil haben oder nicht.
Wir werden diese Tatsachen nicht pauschal bestreiten, sondern werden sie dort, wo sie trotz Verschleierungsbemühungen und Rechfertigungsbemühungen beweisbar sind, aufdecken.
2.
Aber es soll hier zunächst klargestellt werden, dass diese Burschenschaften und Verbindungen massiven Geschichtsrevisionismus betreiben, wenn sie sich auf eine angeblich demokratische Tradition der Burschenschaftler und schlagenden Verbindungen berufen. In Wirklichkeit zeichnet sich ihre Tradition hauptsächlich durch reaktionären Nationalismus, Antisemitismus und Bücherverbrennungen (so schon auf der Wartburgfeier 1815) aus. Die Berufung auf solche Traditionen ist für eine wissenschaftliche Institution eine unerträgliche Provokation.
Es muss möglich sein, mit allem Nachdruck auf Heinrich Heine und seine berechtigte und scharfe Kritik an den damaligen zackigen Burschenschaftlern und Verbindungen zu erinnern.
Heinrich Heine schrieb:
„Fatal ist mir das Lumpenpack, das um die Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau, mit all seinen Geschwüren.“
Lange vor der NS-Zeit formulierte Heinrich Heine: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen“. „Das war ein Vorspiel nur“, schrieb er, als von den Burschenschaften auf der Wartburg Bücher verbrannt wurden. In „Ludwig Börne, eine Denkschrift“ hat Heinrich Heine mit großem Scharfsinn die antihumanistische Grundstimmung dieser gesamten studentisch-reaktionären Bewegung charakterisiert:
„Im Bierkeller zu Göttingen musste ich einst bewundern, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten, für den Tag, wo sie zur Herrschaft gelangen würden. Wer nur im siebten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im Mindesten etwas gegen Jahn oder überhaupt gegen altdeutsche Lächerlichkeit geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod gefasst machen.“
Es gehört zum Selbstverständnis des AStA der Goethe-Universität, die immerhin in der Weimarer Republik Institutionen wie das Institut für Sozialforschung hervorgebracht hat, in der Tradition von Heinrich Heine und den wirklichen Demokraten seiner Zeit der anachronistischen Wiederbelebung solcher schon damals durchaus dummen und reaktionären Strömungen entgegenzutreten.
3.
Für die heutige Situation kommt ein weiterer Gesichtspunkt hinzu, der uns erst seit kurzem bekannt ist und der uns tief entsetzt. Im Rahmen einer Veranstaltung der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität mit Ihnen, Herr Präsident, wurde schriftlich bekannt gegeben, dass einer von mehreren Förderpreisen von der „pflichtschlagenden“ Verbindung ALSATIA unter dem merkwürdigen Namen „Burse e.V.“ „zum ersten Mal bei der akademischen Feier der Freunde der Universität“ verliehen wurde.
Wir können uns eigentlich nur vorstellen, dass weder Ihnen noch die Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Informationen über ALSATIA und des von ihr gegründeten „Burse e.V.“ vorlagen. Es handelt sich hier um eine jener Gruppierungen in Frankfurt, die durch ihr Mensurschlagen im vollen Gegensatz zu all dem stehen, was zumindest wir als AStA unter wissenschaftlich-akademischer Tradition verstehen.
4.
Es wäre für uns völlig unverständlich, wenn Sie nicht wie wir Ekel davor empfänden, dass Studierende organisiert und mit zynisch-dümmlichen Sprüchen garniert mit Hieb- und Stichwaffen im menschlichen Gesicht bewusst Verletzungen herbeiführen und die Gesichter durch Narben zu Fratzen entstellen.
Wer so wenig Respekt vor dem menschlichen Antlitz hat und es als zu trainierende Aufgabe ansieht, die Scheu davor zu überwinden, dieses Antlitz zu zerschneiden, hat gewiss sicherlich erhebliche eigene psychologische Probleme. Aber das ist nicht entscheidend.
Das eigentliche Problem ist, dass hier eine archaische, antihumanistische, zudem auch frauenfeindliche, mit unerträglichem Männlichkeitswahn gepaarte Dummheit zur Schau getragen wird, die gerade das Gegenteil dessen ist, was für Studierende in der Universität vorbildlich sein sollte.
„Sie stelzen noch immer so steif herum, so kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock, womit man sie einst geprügelt.“
„Noch immer das hölzern pedantische Volk, Noch immer ein rechter Winkel
der Bewegung, und im Gesicht Der eingefrorene Dünkel.“
Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen (1844)
Mit freundlichen und besorgten Grüßen
Nadia Sergan
(Oktober 2009)